Archives of Possible Lives
Ein begehbares Archiv, in dem künstliche Intelligenz, Schubladen und gedruckte Fragmente Biografie in ein Feld von Wahrscheinlichkeiten verwandeln.
Archives of Possible Lives ist ein künstlerisches Forschungsprojekt an der Schnittstelle von künstlicher Intelligenz, Biografie und sozialer Imagination. Es sammelt nicht die Vergangenheit, sondern das Mögliche: alternative Biografien, verpasste Gelegenheiten, Abweichungen und mutige Entscheidungen, die hätten sein können.
Die Arbeit fragt, wie künstliche Intelligenz unser Verhältnis zur Realität verändert. KI beschreibt die Welt nicht über Wahrheiten, sondern über Wahrscheinlichkeiten. Sie berechnet, was wahrscheinlich, plausibel oder statistisch kohärent ist. In der Installation wird diese Verschiebung körperlich erfahrbar: Besucher bewegen sich durch ein Archiv aus Schubladen und erhalten Fragmente eines möglichen Lebens.
Jede mögliche Vita ist weder wahr noch falsch. Sie ist eine begehbare Hypothese über Identität.
Von Schublade zu Schublade
Am Eingang geben Besucher an einem Kioskterminal einen Alias und eine Sprache ein. Eine personalisierte Startkarte wird gedruckt: „Person A — begin at Drawer 32.“ Von dort führt die Installation jede Person durch eine Sequenz von bis zu acht Schubladen.
Jede geöffnete Schublade löst einen Thermodrucker aus. Er druckt ein poetisches biografisches Satzfragment und verweist auf die nächste Schublade. Die gesammelten Ausdrucke bilden eine fragmentarische, persönliche Erzählung: ein mögliches Leben, das nie gelebt wurde, aber vorstellbar bleibt.
Am Ende entnehmen Besucher einer tiefen Karteibox eine letzte Karte. Darauf steht: „The truth is within you.“ Während das Archiv von möglichen Leben überquillt, verweist dieser letzte Satz auf den einzigen Ort, an dem Gewissheit bleibt.
Von Wahrheit zu Wahrscheinlichkeit
Die Installation behandelt künstliche Intelligenz nicht als Werkzeug, sondern als Medium. Sie übersetzt abstrakte Prozesse der Wahrscheinlichkeitsberechnung in eine physische und sinnliche Erfahrung. Identität erscheint nicht als feste Biografie, sondern als Raum von Varianten.
Ein Sprachmodell kann Fragmente an unterschiedliche Sprachen und kulturelle Kontexte anpassen. Es kann auf lokale Orte, Alltagsroutinen, soziale Normen und Erzählstrukturen verweisen, ohne sie erklärend zu benennen. Das Ergebnis sind plausible Variationen innerhalb eines Kontextfeldes.
So wird das Archiv zu einem künstlerischen Experiment, einem sozialen Labor und einer Reflexion darüber, wie Algorithmen an den Biografien von morgen mitschreiben.